Ein subtiler Klangkosmos der stetig wachsenden Dialogfähigkeit: Bernd Glemser und die Polnische Kammerphilharmonie mit Beethovens fünf Klavierkonzerten in Weilburg / Karl Rarichs 25 Jahre Künstlerischer Leiter der Schloßkonzerte



25. Juli 2004 Zu den anspruchsvollsten, Kraft, Ausdauer und Formbewußtsein voraussetzenden Aufgaben gehört die pianistische Bewältigung eines Klavierkonzerts von Johannes Brahms: Fast eine Stunde lang Musik von glühender Intensität und Anspannung gilt es zu bewältigen, der Solist hat mit dem sinfonischen Anspruch eines groß besetzten, alles andere als nur begleitenden Orchesterapparats zu kämpfen, ganz zu schweigen von jener "Vollgriffigkeit" des Brahmsschen Klaviersatzes, den viele Künstler zu Recht fürchten. Kurzum: Wer ein Brahms-Konzert mit allen Anforderungen und Facetten einer subtilen Klangkunst bewältigt hat, darf danach auch erschöpft sein. Gänzlich absurd scheint die Vorstellung, nach kurzer Pause an Brahms' Konzert Nr. 1 d-Moll op. 15 sogleich das zweite Konzert B-Dur op. 83 anzuschließen.

Der amerikanische Pianist Tzimon Barto hat ebendieses ungewöhnliche Unterfangen im vorigen Jahr bei einem Weilburger Schloßkonzert gewagt. Genauer gesagt - wagen wollen, denn im letzten Moment kam es wegen einer Handverletzung nicht zu dem Doppelauftritt: Barto mußte absagen, das Projekt schien gestorben. Doch Karl Rarichs, dem Künstlerischen Leiter der Weilburger Schloßkonzerte, gelang damals das Kunststück, den Pianisten Bernd Glemser adhoc für das Projekt zu gewinnen. Der Schüler von Vitalij Margulis, der schon 1987 den Münchner ARD-Wettbewerb gewann und aus 17 Wettbewerben in Folge als Sieger von Spezialpreisen hervorging, gehört heute zur absoluten Weltspitze und wird dennoch mehr oder weniger als Geheimtip gehandelt: Unprätentiöses Auftreten, konsequentes Vermeiden von Starkult - kurz: eine überaus sympathisch anmutende Bescheidenheit des Auftretens im Dienste eines verantwortungsvollen Künstlertums führt dazu, daß die Fachwelt im Gedanken an Glemser stets in höchstes Entzücken gerät, während die Popularitätskurve im Vergleich zu gewissen anderen Stars flacher zu verlaufen scheint.

Aber: Die Kurve steigt. Wo immer Glemser auftritt, provoziert er Ovationen und Bewunderung. So auch nach dem Weilburger Brahms-Marathon vom Juni 2003. Rarichs ließ dieser gewaltige Erfolg nicht ruhen und er machte mit Glemser sogleich einen Vertrag für 2004: Diesmal ging es um das nicht weniger anspruchsvolle Unternehmen, zusammen mit Wojciech Rajski und seiner Polnischen Kammerphilharmonie an zwei Konzertabenden in der Schloßkirche die fünf Klavierkonzerte von Beethoven zu präsentieren.

Um diese Leistung angemessen würdigen zu können, lohnt es, vorab einen Blick auf das Wesen dieser Musik zu werfen, zumal damit spezifische Anforderungen an jeden Interpreten verbunden sind. Nicht nur für Beethovens Beiträge zur Gattung des Klavierkonzerts - vielmehr für dessen Gesamtschaffen gilt, daß der Komponist für musikalische Problemstellungen immer neue, tendenziell fortschreitende Lösungen findet, mithin nicht zu jenem Schöpfertypus gehört, der - überspitzt formuliert - ein Werk zehnmal komponiert. Auch für den Interpreten der fünf Klavierkonzerte - ein Jugendwerk ohne Opusbezeichnung wurde weggelassen - bedeutet dies, sich immer wieder auf neue Gegebenheiten eines subtilen Klangideals einzustellen.

Ein scheinbar nebensächlicher Aspekt mag dies verdeutlichen. Untersucht man den jeweiligen Orchestereinsatz nach der Kadenz des ersten Satzes, wird man zunächst einen sich steigernden Anspruch, schließlich neue Formgesetze registrieren. Im zuerst entstanden Konzert Nr. 2 B-Dur op. 19 geht es dabei um eine knappe, "unauffällig" kadenzierende Schlußwendung. Im Falle des chronologisch nachfolgenden Konzerts Nr. 1 C-Dur op. 15 wird daraus schon eine längere Passage, weil die weit virtuoseren Anforderungen an den Solisten in einer dynamische Steigerungen formulierenden abschließenden Orchesterpassage ihr Pendant finden. Das Konzert Nr. 3 c-Moll op. 37 mag in formaler Hinsicht noch die Konvention beschwören, macht jedoch erstmals das Orchester zum gleichberechtigten sinfonischen Partner und weist insofern voraus in die Romantik. Im poesievoll zurückgenommenen Konzert Nr. 4 G-Dur op. 58, das mit dem Einsatz des Solisten beginnt, bevor das Orchester in gewohnter Manier die Themen nachliefert (statt vorgibt), ist ein derart anspruchsvoller Dialogcharakter zwischen Solist und Orchester erreicht, daß ein testhalber weggelassener Part die Gesamtstruktur des Werkes kaum mehr erkennen lassen würde. Das berühmte Konzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 schließlich, das quasi improvisando beginnt und mit Einsatz des Hauptthemas einen so majestätisch wie leidenschaftlich anmutenden Habitus beschwört, verlangt vom Solisten die Dominanz einer großen Geste, wo im G-Dur-Konzert ein quasi kammermusikalisches Miteinander gefordert war.

Bernd Glemsers beeindruckende Könnerschaft besteht darin, für all diese Erwägungen nicht nur ein stets sensibles Gespür zu besitzen, sondern dank seiner pianistischen Meisterschaft jedes einzelne Beethoven-Konzert auch in seiner ganz spezifischen musikalischen Struktur darstellen zu können. Handwerklich steht ihm dabei die breite Palette einer nuancenreichen Anschlagskultur zur Verfügung, die nicht nur zu erstaunlich transparenten Ergebnissen stets wechselnder Farbkontraste führt, sondern auch in dynamischer Hinsicht so manches Entwicklungspotential birgt.So nonchalant entspannt wie Glemser bewältigt kaum ein Kollege das frühe B-Dur-Konzert, dessen harmlos anmutende Kuckucksrufthematik jedoch in einigen Überraschungen, Akzentversetzungen und Synkopenbildungen die spätere Pranke des Komponisten ahnen läßt, worauf Glemser auch deutlich hinwies. Das technisch anspruchsvollere C-Dur-Konzert op. 15, das Mozart sicher als "eines,welches schwitzen macht", eingestuft hätte, interpretierte er als ein Virtuose, der technisch schwierige Passagen nach allen Seiten hin ausleuchtet, als genieße er die Bewunderung des Publikums in der zweimal ausverkauften Schloßkirche.Das C-Dur-Konzert op. 15 ist auch vom Orchesterpart her ein festlich-repräsentatives Werk mit kräftigen Paukenakzenten und strahlenden Trompeteneinsätzen, was sich besonders im abschließenden Allegro scherzando auswirkt. Dem Dirigenten Wojciech Rajski und seiner im ganzen vorzüglich disponierten Polnischen Kammerphilharmonie ist eine ideale künstlerische Partnerschaft zu bescheinigen, die Beethovens Klangvorstellungen jeweils werkgerecht gestaltete, dabei die von Konzert zu Konzert fortschreitende Emanzipation vom Begleitensemble zum Dialogpartner mitvollzog, im c-Moll-Konzert op. 37 mit seinem unverkennbaren Sturm-und-Drang-Charakter sinfonischen Anspruch formulierte und beim heroischen Tonfall des Es-Dur-Konzerts ohnehin eine zentrale Rolle zu spielen hat. Die künstlerische Übereinstimmung mit dem Solisten war überaus vorzüglich, nur im Konzert Nr. 4, das vielleicht zusätzliche Probenzeit benötigt hätte, zeigten sich auf mangelnde Information beruhende Unstimmigkeiten etwa der Art, daß Rajski sich am Kadenzschluß des Kopfsatzes über Glemsers Tempoabsicht nicht sogleich im klaren schien, so daß eine blitzschnelle Korrektur vonnöten war.

Für die ansonsten hervorragende Vorbereitung aller Beteiligten spricht jedoch, daß aufmerksames Reagieren aufeinander auch in der suboptimalen Akustik der Schloßkirche jede Panne verhinderte, und dies, obwohl das Klangideal der polnischen Musiker - im Gegensatz zu jenem des dort regelmäßig musizierenden Württembergischen Kammerorchesters - nicht höhenbetont differenziert, sondern vollklingend kompakt ist. Das Es-Dur-Konzert op. 73 wurde erwartungsgemäß zu einem vielbejubelten Höhepunkt, und es bleibt eine erstaunliche Leistung, daß Glemser an beiden Abenden noch Kraft zu Solozugaben - eine Bach-Busoni-Bearbeitung am Freitag, ein Rachmaninow-Prelude am Samstag - fand.

Wer, wie die Mehrzahl der Wochenendgäste, den Weilburg-Besuch mit einer guten Mahlzeit verbinden möchte und sich über den notorisch pannenträchtigen Service des Restaurant-Teams im Schloßhotel genug geärgert hat, darf sich beim anschließenden Schloßkonzert um so professioneller betreut fühlen. Organisatorisch sorgen ehrenamtlich tätige Schülerinnen und Schüler der Weilburger Schulen für einen reibungslosen Ablauf. Für ein konstantes musikalisches Niveau aber sorgt seit 25 Jahren Karl Rarichs in seiner Funktion als Künstlerischer Leiter dieses Festivals. Die in diesen Tagen zu Ende gehenden Schloßkonzerte bergen also auch ein Jubiläum. An solche Projekte wie jene mit Bernd Glemser wird man sich auch dann noch mit Freuden erinnern, wenn Rarichs eines Tages aus Altersgründen aus dem Organisationsteam ausscheidet.  HARALD BUDWEG